Sich selbst ins Gesicht sehen können

Während der Recherchen für „Empörung bringt was!“ für das Magazin „Welt der Frau“ im Jahr 2012 konnte ich mich mit Christiane Brunner über ihre Motive für politisches Engagement unterhalten.

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Mag.a. Christiane Brunner, Abgeordnete zum Nationalrat, Sprecherin für Umwelt, Klimaschutz und Energie, Sprecherin für Tierschutz

 

Wie motiviert man sich selbst politisch aktiv zu sein?

Jeder/Jede Einzelne macht einen Unterschied. Ich will mich selbst im Spiegel ansehen und wissen, dass ich es versucht habe, besser zu machen. Veränderung ist möglich. Dass etwas getan werden muss, steht außer Frage: Da kann ich nicht zusehen, da muss ich aktiv werden.

Wie entstand Ihr politisches Engagement?

Christiane Brunner: Nach dem Studium bin ich wieder in meinen Heimatort gezogen und wollte mich im Ort engagieren. Ich wurde dann als unabhängige Kandidatin in den Gemeinderat gewählt. Als die S7 durch „meinen“ Bezirk gebaut werden sollte, war ich Gründungsmitglied einer Bürgerinitiative gegen den Bau. Mein Gemeinderatsmandat legte ich nieder. Man wird schnell mit Widerständen konfrontiert, wenn man sich klar deklariert. Allerdings ist es ein gutes Gefühl, wenn man für das, wovon man überzeugt ist, kämpft.

 

Wie verlief der Weg in die Partei?

Durch die Bürgerinitiative ist der Kontakt zu den Grünen entstanden. Im Zuge meiner Tätigkeit bei der Bürgerinitiative musste ich feststellen, dass die BürgerInnen schlechter gestellt sind – Politik sucht keine Diskussion. Ich bin aber überzeugt, dass in der Politik Wertschätzung für die BürgerInnen und Glaubwürdigkeit Platz hat.

Lieber Partei oder Bürgerinitiative?

Für mich ist die Veränderung des Systems von innen zielführender und die Umsetzung langfristiger Ziele besser möglich. Bürgerinitiativen finden einfacher den Weg in die Medien und zu MitstreiterInnen. Der Kampf „David gegen Goliath“ ist anziehend.

 

 

Veröffentlicht im Magazin “Welt der Frau”, Ausgabe 11/12,  Text: Maria Sigl, Foto: Ch. Brunner

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Abschied von der Lethargie

Anneliese Rohrer, Journalistin und Autorin des Buches „Das Ende des Gehorsams“

Sie sprechen davon, dass die Demokratie in Österreich gefährdet ist. Woran erkennt man das?

Anneliese Rohrer: Unser demokratisches System ist keine Selbstverständlichkeit. Es erfordert Engagement von allen – da liegt die erste Schwierigkeit: Der Zusammenhang anneliese_rohrerzwischen dem eigenen Verhalten und dem Zustand des Staates wird nicht gesehen. Stichwort Schwarzarbeit/ Steuerhinterziehung. An den Einnahmen des Staates arbeiten
wir alle mit, die Politik kann nichts verschenken, was nicht zuvor von den BürgerInnen eingenommen wurde. Wir haben jetzt die Chance auf mehr Eigenverantwortung. Wirtschaftliche Veränderungen, Privatisierungen verringern die Möglichkeiten des Staates, die WählerInnen zu versorgen. Um unseren Lebensstandard zu erhalten, müssen wir uns engagieren. Demokratie braucht Respekt, Pflege und Sorgfalt – und dafür ist jeder/jede Einzelne verantwortlich.

Wie sieht diese Verantwortung aus?

Das kann sehr unterschiedlich sein: FreundInnen zum nächsten Wahlgang motivieren, Massen-E-Mail-Aktionen starten, Menschen, die sich engagieren, unterstützen. Vor allem junge Menschen zur – kritischen – Meinungsäußerung ermutigen. Erziehen Sie Ihre Kinder zu selbstbewussten Menschen. Wir müssen uns von der Lethargie verabschieden. Stellen Sie sich vor, bei den Studentenprotesten im Herbst 2009 wären Eltern und Großeltern dabei gewesen! Wir Älteren haben das Nachkriegssystem mitgeprägt, jetzt liegt es bei uns, Druck für Veränderungen zu machen. Es ist viel Gutes passiert. Allerdings ist es nötig, wachsam zu sein, nachzufragen und sich einzubringen.

Veröffentlicht im Magazin “Welt der Frau”, Ausgabe 11/12,  Text: Maria Sigl, Foto:  A. Rohrer

Sich selbst in den Spiegel schauen können

Christiane Brunner, Abgeordnete zum Nationalrat, Obfrau des parlamentarischen Umweltausschusses, Projektkoordinatorin im Europäischen Zentrum für erneuerbare Energie Güssing.

Wie entstand Ihr politisches Engagement?

Christiane Brunner: Nach dem Studium bin ich wieder in meinen Heimatort gezogen und wollte mich im Ort engagieren. Ich wurde dann als unabhängige Kandidatin in den Gemeinderat gewählt. Als die S7 durch „meinen“ Bezirk gebaut werden sollte, war ich christiane_brunnerGründungsmitglied einer Bürgerinitiative gegen den Bau. Mein Gemeinderatsmandat legte ich nieder. Man wird schnell mit Widerständen konfrontiert, wenn man sich klar deklariert. Allerdings ist es ein gutes Gefühl, wenn man für das, wovon man überzeugt ist, kämpft.

Wie verlief der Weg in die Partei?

Durch die Bürgerinitiative ist der Kontakt zu den Grünen entstanden. Im Zuge meiner Tätigkeit bei der Bürgerinitiative musste ich feststellen, dass die BürgerInnen schlechter gestellt sind – Politik sucht keine Diskussion. Ich bin aber überzeugt, dass in der Politik Wertschätzung für die BürgerInnen und Glaubwürdigkeit Platz hat.

Lieber Partei oder Bürgerinitiative?

Für mich ist die Veränderung des Systems von innen zielführender und die Umsetzung langfristiger Ziele besser möglich. Bürgerinitiativen finden einfacher den Weg in die Medien und zu MitstreiterInnen. Der Kampf „David gegen Goliath“ ist anziehend.

Wie motiviert man sich selbst?

Jeder/Jede Einzelne macht einen Unterschied. Ich will mich selbst im Spiegel ansehen und wissen, dass ich es versucht habe, besser zu machen. Veränderung ist möglich. Dass etwas getan werden muss, steht außer Frage: Da kann ich nicht zusehen, da muss ich aktiv werden.

 

Veröffentlicht im Magazin “Welt der Frau”, Ausgabe 11/12,  Text: Maria Sigl, Foto: Ch. Brunner

Für die EnkelInnen

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Herta Wessely, Mitbegründerin der Aktion 21, einer österreichweiten Plattform für Bürgerinitiativen, Mutter von vier Kindern, in Versicherung und Redaktion tätig.

Als auf der Grünfläche vor ihrem Haus in Wien 1990 eine Parkgarage gebaut werden soll, startet Wessely eine Unterschriftenaktion. Durch 1.800 gesammelte Unterschriften und viele Diskussionsrunden kann der Bau verhindert werden. Jahre später soll wieder eine Parkgarage in der Nachbarschaft errichtet werden, Wessely kämpft an vorderster Front. Mit Parkbesetzungen und Verhandlungen wird das Bauvorhaben verhindert. Diese Erfahrungen zeigten Herta Wessely, dass es zielführend ist, wenn sich Bürgerinitiativen vernetzen.

Woher kommt Ihre persönliche Motivation?

Herta Wessely: Zu Beginn war ich persönlich betroffen, der Bau sollte direkt vor meinem Haus errichtet werden. Außerdem wollte ich mir die Respektlosigkeit der PolitikerInnen nicht gefallen lassen. Der Umgang mit der Bevölkerung war für mich nicht tragbar. BürgerInnen müssen bei derartigen Projekten besser eingebunden werden. Jetzt weiß ich, was möglich ist, und habe „Blut geleckt“. Ich möchte mit gutem Beispiel für meine Enkelkinder vorangehen. Es kann nicht sein, dass wir uns nicht mehr verantwortlich fühlen, „Tun“ wird immer öfter delegiert.

Der Bürger/Die Bürgerin muss den aufrechten Gang lernen, das beginnt bei Kindern und Jugendlichen. Es stimmt einfach nicht, dass man nichts verändern kann. Wir können etwas bewegen! Die Visionen kommen von uns allen, aus der Zivilgesellschaft, nicht aus der Politik.

Keine Angst vor Niederlagen?

Vielleicht hätte sich mein Engagement anders entwickelt, wenn wir weniger erfolgreich gewesen wären. Aktiv zu sein erfordert viel Zeit, Geld und Energie. Danke an meine Familie für die Unterstützung.

 

 

Veröffentlicht im Magazin “Welt der Frau”, Ausgabe 11/12,  Text: Maria Sigl, Foto: H. Wessely

Veränderung braucht Mut

Heinrich Staudinger, Geschäftsführer von Gea und der Waldviertler Werkstätten GmbH in Schrems.

Bei einem Vortrag auf Schloss Goldegg stellte Heinrich Staudinger im Herbst 2011 folgende „Fünf Thesen für Mutige“ vor:

1. Auf die innere Stimme hören und ihr vertrauen.

Die Orientierung nach innen suchen. Weniger Werbung, die mir sagt, dass ich noch mehr brauche. Weniger Sachzwänge, die mich unter dem Deckmäntelchen der Vernunft dazu verleiten, so weiterzumachen wie bisher.

2. Die Naivität achten.heini_staudinger

Beim ersten Schritt muss das Ziel noch nicht erkennbar sein. Auf Versicherungen verzichten, auch wenn wir gerne welche haben.

3. Fürchte dich nicht vor dem Alleinsein.

Neue Wege können zu Beginn Einsamkeit bedeuten. Angst ist ein großes Hindernis. Vielleicht steht deshalb so oft im Neuen Testament „Fürchte dich nicht!“ Durch das Alleinsein entsteht eine innige Verbindung zum Lebendigen, die unsere innere Stimme besser fühlbar macht.

4. Erkenne, was dich gefangen hält.

Was macht es schwierig, das zu tun, was ich möchte?

Geld? Der Job, den man für destruktiv hält, den man aber braucht, um die nächste Rate zu bezahlen? Man vergisst, dass Geld zur Erleichterung der Arbeitsteilung dienen soll und nicht dazu, jeden Wahnsinn zu legitimieren.

Nötig sind gute FreundInnen, die den göttlichen Funken in uns einmahnen und uns den Anstoß geben, wirklich anzufangen.

5. Spring bitte! Mit der Kraft der Mitte.

Lernen, aus den eigenen Gefangenheiten auszubrechen, denn es gibt im Leben nichts Wichtigeres als das Leben. Den eigenen Weg findet man am besten durch hemmungsloses Probieren. Dabei dürfen die Hosen ruhig auch einmal voll sein – abputzen und den nächsten Versuch starten.

 

Veröffentlicht im Magazin “Welt der Frau”, Ausgabe 11/12,  Text: Maria Sigl, Foto: Gea

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Abschied von der Lethargie

Anneliese Rohrer, Journalistin und Autorin des Buches „Das Ende des Gehorsams“

Sie sprechen davon, dass die Demokratie in Österreich gefährdet ist. Woran erkennt man das?

Anneliese Rohrer: Unser demokratisches System ist keine Selbstverständlichkeit. Es erfordert Engagement von allen – da liegt die erste Schwierigkeit: Der Zusammenhang anneliese_rohrerzwischen dem eigenen Verhalten und dem Zustand des Staates wird nicht gesehen. Stichwort Schwarzarbeit/ Steuerhinterziehung. An den Einnahmen des Staates arbeiten
wir alle mit, die Politik kann nichts verschenken, was nicht zuvor von den BürgerInnen eingenommen wurde. Wir haben jetzt die Chance auf mehr Eigenverantwortung. Wirtschaftliche Veränderungen, Privatisierungen verringern die Möglichkeiten des Staates, die WählerInnen zu versorgen. Um unseren Lebensstandard zu erhalten, müssen wir uns engagieren. Demokratie braucht Respekt, Pflege und Sorgfalt – und dafür ist jeder/jede Einzelne verantwortlich.

Wie sieht diese Verantwortung aus?

Das kann sehr unterschiedlich sein: FreundInnen zum nächsten Wahlgang motivieren, Massen-E-Mail-Aktionen starten, Menschen, die sich engagieren, unterstützen. Vor allem junge Menschen zur – kritischen – Meinungsäußerung ermutigen. Erziehen Sie Ihre Kinder zu selbstbewussten Menschen. Wir müssen uns von der Lethargie verabschieden. Stellen Sie sich vor, bei den Studentenprotesten im Herbst 2009 wären Eltern und Großeltern dabei gewesen! Wir Älteren haben das Nachkriegssystem mitgeprägt, jetzt liegt es bei uns, Druck für Veränderungen zu machen. Es ist viel Gutes passiert. Allerdings ist es nötig, wachsam zu sein, nachzufragen und sich einzubringen.

 

Veröffentlicht im Magazin “Welt der Frau”, Ausgabe 11/12,  Text: Maria Sigl, Foto:  A. Rohrer

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Mehr Wissen über strukturelle Ursachen

David Walch, Pressesprecher von Attac, einer internationalen Bewegung, die sich für eine demokratische und sozial gerechte Gestaltung der globalen Wirtschaft einsetzt, mit dem Ziel, ein gutes Leben für alle – heute und in Zukunft lebenden – Menschen zu erreichen.

Bringt Empörung Veränderung?

Ja, sicher. Unzufriedenheit muss artikuliert werden, um den Weg auf die Straße zu finden. Erst dann wird sie sichtbar und kommt an die Oberfläche. Selbst wenn noch keine konkreten Forderungen vorliegen, ist Empörung wertvoll. Allerdings ist Ärger allein zu wenig, um konstruktive Veränderungen zu erarbeiten.

In vielen Teilen Europas ist die Unzufriedenheit stärker spürbar als in Österreich. Geht’s uns zu gut?

Bei uns ist der Anteil der persönlich Betroffenen nicht so groß wie in anderen Ländern. Natürlich gibt es hier Menschen, die in Armut leben. Doch wenn man am Rand steht, fehlen oft Ressourcen, sich Gehör zu verschaffen. In Österreich herrscht eine Kultur der david_walchKonsensbereitschaft. Viele fühlen sich von der Politik nicht gut vertreten, aber das Ohnmachtsgefühl ist dennoch größer. Die Protestbewegungen, die aus dem sozialen Ungleichgewicht entstehen, bringen die Politik unter Druck. Zu beobachten ist eine verstärkte Suche nach Sündenböcken. Die Öffentlichkeit verträgt Debatten, die mit Inhalten gefüllt sind und hat genug von fadenscheinigen Erklärungen. Wir brauchen größere Solidarität und das Wissen um die strukturellen Ursachen der Krise: deregulierte Finanzmärkte, ungleiche Vermögensverteilung und Standortkonkurrenz. So wird z. B. der Zusammenhang zwischen der Bankenkrise und den Staatskrisen in Europa in den Medien selten hergestellt.

 

Veröffentlicht im Magazin “Welt der Frau”, Ausgabe 11/12,  Text: Maria Sigl, Fotos: Attac